Auf dem Heimweg

Mein folgender Text wurde veröffentlicht in: TÄXTZIT, Die Schweizer Literaturschrift, Band 6. Weitere Infos dazu findet ihr hier 🙂

Jonas war auf dem Heimweg. Er lief langsam, denn in ihm herrschten gemischte Gefühle. So richtig einordnen konnte er sie nicht. Irgendwie fühlte er sich beklommen, doch auf der anderen Seite auch immer noch frei und stark. Am liebsten würde er die ganze Welt umarmen und trotzdem hinderte ihn etwas daran. Tief in seinem Inneren war etwas anders, und er wusste es. Er wusste, dass der Preis eigentlich zu hoch war: Ausreden, Lügen, dazu die ständige Angst, erwischt zu werden. Was war es also, das ihn immer wieder zurücktrieb? Warum konnte er es nicht lassen? Warum konnte er die Welt, so wie sie war, einfach nicht aushalten?

Er hatte es sich so fest vorgenommen, und lange war er auch standhaft geblieben. Doch dann, ein Moment der Schwäche, und plötzlich hatte er das Gefühl, dass es doch nicht so schlimm war. Nein, er hatte es ja jetzt im Griff. Was konnte schon passieren? Nur ein Joint, danach würde er wieder aufhören. Er hatte schliesslich auch einmal einen schlechten Tag, genauso wie alle anderen. Was war schon dabei, wenn es ja nur einmal war? Um kurz alle Probleme zu vergessen, nur für einen Moment.

Und wirklich, schon nach den ersten Zügen fühlte sich alles leichter an, was vorher noch so schwer wog. Was wollten ihm die Erwachsenen auch alle vorschreiben, wie er sein Leben zu leben hatte. Zudem diese beschissene Timeout-Schule! Was wussten die da schon von seinem Leben? Wussten die, wie es war, jeden Tag mit diesem Gefühl durch die Welt zu gehen? Mit dem Gefühl, so anders zu sein als alle anderen und nirgends richtig dazuzugehören? Wer wusste schon, wie es in ihm aussah? Wie es war, ständig eine Maske aufzusetzen und allen etwas vorzuspielen,  weil  die  Gesellschaft  einen  wie  ihn  nicht   akzeptierte?

Nein, das wussten sie nicht! Das konnten sie auch nicht, weil sie ja Teil dieses ganzen Systems waren. Die heile Schweiz mit ihren schönen Bergen könnte ja vielleicht kaputt gehen, wenn einer wie er ihre Idylle zerstörte. Die sollten ihm doch nicht erzählen, dass sie sich um ihn sorgten, nur das Beste für ihn wollten. Es war so eine verlogene Welt! Um das zu wissen, musste man nicht in die Schule gehen, da reichte es schon, wenn man ab und zu eine Gratiszeitung im Bus las.

Regelmässig wurden Berichte und Statistiken veröffentlicht, denn genauso regelmässig gab es immer wieder Vorstösse, um Cannabis zu legalisieren. Und verlogen, einfach nur verlogen war es dann, wenn man ihm trotzdem erzählen wollte, wie schädlich das Kiffen doch war. Er wusste doch genau, wie das lief. Oft genug hatte er im Polizeiposten gesessen. Passiert war trotzdem nichts. Einfach lächerlich. Es ging dabei doch nur darum, die Jugendlichen schikanieren zu können und ihnen alles schlecht zu machen.

Heute hatte er sich endlich wieder einmal verstanden gefühlt. Endlich hatte er wieder Leute getroffen, denen es genauso ging wie ihm. Diese Leute verstanden, was er meinte, wenn er das Gefühl hatte, dass es die ganze Welt auf ihn abgesehen hatte. Ja, sie wussten genauso wie er, dass man auf die Schweiz mit ihren überaus braven Bürgern pfeifen musste, um hier zu überleben. Und das tat er jetzt auch.

Wie blöd doch alle Erwachsenen waren! Es war so leicht, ihnen etwas vorzulügen. Nur weil sie ein schlechtes Gewissen hatten, konnte er ihnen alles erzählen. Er war jetzt in Rage. Eigentlich wollte er schneller laufen, nur gelang es ihm nicht. Im Gegenteil, er lief nun immer langsamer. Er wollte nicht nach Hause, dort würden sie ihm nur wieder all die unangenehmen Fragen stellen, wissen wollen, wo er gewesen war und was er gemacht hatte.

Auch wenn sie ihm seine Lügen vielleicht glaubten, er hatte einfach keine Lust mehr zu lügen. Keine Lust mehr, alle anderen – und vor allem sich selbst! – zu belügen. Denn egal, was er tat, es war ohnehin alles falsch. Er war ein Versager, auch jetzt hatte er wieder versagt. Wie blöd er doch gewesen war! Wie konnte er nur glauben, dass einer wie er sein Leben in den Griff bekommen würde? Hier, in diesem Kaff mit knapp zweitausend Einwohnern, war er sowieso schon abgeschrieben. An ihn glaubte doch niemand mehr, am wenigsten er selbst. Nein, er wollte nicht mehr nach Hause.

Er blieb plötzlich stehen. Die anderen waren sicher noch dort. Und da schon alles egal war, könnte er auch wieder zurückgehen. Es spielte keine Rolle mehr. Wenn seine Eltern herausfänden, dass er wieder gekifft hatte, dann würden sie so oder so stinkwütend. Also war es einerlei, ob er zu spät kam oder nicht. Seine Chance hatte er jetzt verspielt. Nun war alles zu spät. Und schon lange nervte es ihn, dass er nebst der Schule noch arbeiten und das verdiente Geld abgeben musste. Wozu sollte das denn gut sein?

Nein, wenn er zurückging, dann brauchte er nur ein Wort zu sagen,  und  er konnte  wieder  mit  dem  Dealen  anfangen.  Auch wenn er am Ende nicht viel von dem Geld behalten konnte, so war es doch mehr als er jetzt hatte, denn jetzt hatte er nichts.

Seine Zweifel waren nun fast verflogen. Er fühlte sich nicht hundertprozentig wohl dabei, sicher, aber was hatte er denn für eine Wahl? Eben. Oder gab es vielleicht doch noch die Möglichkeit, dass er einfach so weitermachen konnte, wie wenn heute nichts passiert wäre? Könnte er jetzt einfach nach Hause gehen und mit seinen Eltern zu Abend essen wie in den letzten Wochen auch? Auch wenn er sich das wünschte, so hatte er doch zu grosse Angst. Angst davor, was passieren würde, wenn es nicht klappte. Angst, alle zu enttäuschen und damit auch sich selbst. Er merkte, wie die Wirkung des Joints nachliess. Sein Selbstvertrauen war wie weggeblasen. Wie lange stand er jetzt schon so da, weil er weder vor noch zurück wusste? Er hatte keine Ahnung. Er stellte sich seine Familie vor, wie jetzt alle am Tisch sassen und auf die Uhr schauten. Er sah seine Mutter, die immer noch hoffte, dass er gleich zur Tür hereinkam.

Dann fasste er einen Entschluss. Ja, Jonas war auf dem Heimweg gewesen – doch dann drehte er um.

Alles geben

Damals

wollte ich

alles

dafür geben

Deshalb

wurde auch

alles

verlangt

Blöd nur, dass wir

von allem

etwas anderes

verstanden

Denn so

zerbrach ich

ganz allein

beim Versuch

Zufrieden

war damals

schon

niemand

und verstanden

hat es

bis heute

auch keiner

Oder doch?

Was es braucht

Es schreibt sich nicht von selbst

nur weil die Eindrücke von aussen

für zehn reichen würden.

Denn es braucht viel Zeit.

Denn es braucht viel Mut.

Denn es braucht am meisten Selbstvertrauen.

Im Kopf schwirren die Ideen:

Nicht alle haben darin Platz,

aber mit einer muss man anfangen.

Auswählen, aber mit Plan!

Planen, aber nicht zu viel!

Schreiben, aber nicht zu planlos!

Fang doch einfach an! sagt der Engel.

Aber leg dich nicht zu schnell fest! der Teufel.

Kann es nicht mehrere Anläufe geben? frage ich.

Nein, es schreibt sich nicht von selbst,

denn es ist ein schwieriges Unterfangen

über seinen eigenen Schatten zu springen.

immer mehr

Ich wollte

immer mehr.

Und jetzt?

Jetzt fühle

ich mich leer.

Und dann?

Dann wünsche

ich mich weg.

Bis wann?

Bis gestern

endlich

gestern ist

und heute

ein anderer Tag.

Bis dann!