Was es braucht

Es schreibt sich nicht von selbst

nur weil die Eindrücke von aussen

für zehn reichen würden.

Denn es braucht viel Zeit.

Denn es braucht viel Mut.

Denn es braucht am meisten Selbstvertrauen.

Im Kopf schwirren die Ideen:

Nicht alle haben darin Platz,

aber mit einer muss man anfangen.

Auswählen, aber mit Plan!

Planen, aber nicht zu viel!

Schreiben, aber nicht zu planlos!

Fang doch einfach an! sagt der Engel.

Aber leg dich nicht zu schnell fest! der Teufel.

Kann es nicht mehrere Anläufe geben? frage ich.

Nein, es schreibt sich nicht von selbst,

denn es ist ein schwieriges Unterfangen

über seinen eigenen Schatten zu springen.

Von der Rettung der Fantasie

Er liegt ausgestreckt auf der Wiese, die Arme hinter dem Kopf verschränkt, und schaut hinauf in den Himmel. Die Zeit scheint stillzustehen, nur die Wolken ziehen vorbei. Plötzlich werden die Wolken zu Figuren, zu tollen Fantasiewesen, und fangen an zu leben. Er sieht unbekannte Gestalten, die er so noch nie gesehen hat. Sie ziehen an ihm vorüber und verändern sich ständig, und er wünschte sich, sie würden dableiben. Er würde sie gerne einfangen und sie konservieren, um damit die Zeit anzuhalten und die Fantasie ohne Zeitdruck regieren zu lassen. Aber das geht nicht, die Figuren verändern sich, und noch bevor er die eine richtig fassen konnte, entsteht bereits eine andere. Oder sie löst sich in Nichts auf. Das Nichts hält zum Glück nicht lange an, denn da kommt schon die nächste Wolke. So vertreibt er sich die Zeit und wünscht sich trotzdem, sie würde stillstehen. – Plötzlich bemerkt er ein bekanntes Gesicht, das ihn anlächelt und ihm Vertrauen schenkt. Diese liebevollen Augen, die ihm sagen, dass alles gut wird. Dass er nicht alleine ist, dass er einen Begleiter hat auf seinem manchmal schweren Weg. Jemand, der ihn trägt, und mit dem er durch die Lüfte der Fantasie jagen kann. Er kann es gar nicht glauben. Das Gesicht ist da, und es verändert sich nicht, eine ganze Weile lang starrt er es an. Plötzlich sind alle Erinnerungen wieder da. Daran, wie er gekämpft und gelitten hat, wie er sich gefürchtet hat, wie er das Nichts im Nacken spürte und wie er geflogen ist über die Täler, über die Berge und über die Landschaften, die zum Teil schon fast ganz zerstört waren. Er erinnert sich, wie er geliebt hat und wie er es geschafft hat, die Fantasie zu retten. Er war Bastian. Nein, er ist Bastian. Noch immer. Mit einer unendlichen Dankbarkeit blickt er noch einmal in den Himmel. „Danke, Fuchur!“, sagt er. Doch so versunken, wie er in seine Träumen war, hat er gar nicht gemerkt, wie die Zeit vergangen ist. Fuchur ist nicht mehr da. Jedenfalls nicht mehr dort oben am Himmel. Und trotzdem ist dort jetzt nicht das Nichts. Und trotzdem wünscht er sich jetzt nicht, dass die Zeit stehengeblieben wäre. Denn er weiss, wo er seinen treuen Begleiter immer wieder findet. Er weiss: Fuchur ist vom Himmel in sein Herz weitergezogen.

Fuchur

Die Zugfahrt

Auf dem Nachhauseweg im Zug blickte er aus dem Fenster und dachte noch einmal über das nach, was er gerade gehört hatte. Darüber, was Freiheit bedeutet. Es war ein sehr aufschlussreicher Vortrag gewesen, den er heute Abend besucht hatte. Eigentlich war er nicht einmal freiwillig hingegangen, auch wenn das Thema ihn natürlich interessierte. Aber er hatte damit gerechnet, dass es vor allem um die politische Dimension von Freiheit gehen würde. Dass er sich jetzt selbst so aufgewühlt fühlte, das hätte er nicht gedacht. Er war ganz ehrlich überrascht, denn eigentlich war er immer davon ausgegangen, dass er frei sei. Sollte das alles wirklich nicht stimmen? Ja, es erschütterte ihn zwar, dass der Redner darüber gesprochen hatte, wie unfrei die Demokratie doch eigentlich sei. Das war ihm bisher nie aufgefallen. Doch es stimmte, dachte er, wirklich frei sind wir alle nicht, bei all den Vorschriften und Regeln, die wir uns selbst auferlegen. Aber nun gut, das war nicht zu ändern. Nein, in seinen Grundfesten erschüttert hatte ihn etwas anderes. Es war die Frage nach der Freiheit von der eigenen Vergangenheit gewesen. Und er fragte sich nun, ob er wirklich so frei war, wie er immer gedacht hatte. Frei, weil er sich unabhängig fühlte, weil niemand auf ihn wartete, niemand Rechenschaft wollte für sein Tun, und er als moderner Single in der Stadt doch nun wirklich seine Freiheit genoss. Doch wenn er jetzt ehrlich war, dann wusste er, dass das nicht stimmte. Er hatte sich nie darüber Gedanken gemacht, aber er hatte einfach immer weitergemacht und sich treiben lassen. Nie wäre er auf die Idee gekommen, dass genau das ihn unfrei machte. Die Erkenntnis traf ihn wie ein Schlag. Er liess sich von seiner Vergangenheit leiten! Er leitete sich gar nicht selbst. Seine Erfahrungen machten ihn unfrei für die Entscheidungen in der Zukunft. Er hatte sich nie darum bemüht, sich von seiner Vergangenheit zu befreien, schliesslich gehörte sie doch zu ihm. Oder war das nur eine Ausrede? Eine Ausrede, damit er sich nicht dem Unangenehmen stellen musste? Er merkte, wie es ihm die Kehle zuschnürte, wie der Schmerz zurückkam, den er so lange verdrängt hatte. Weil er sich aber hier zwischen all den fremden Leuten nicht von ihm überwältigen lassen wollte, durchsuchte er die Tasche nach einem Stift und kritzelte ein paar Worte auf die Rückseite des Abendprogrammes:

Schmerz

Vergessen,

verdrängt,

vorbei.

Und trotzdem

immer

mit dabei.

Es war das erste Mal, dass er so etwas aufschrieb. Unsicher las er noch einmal durch, was er notiert hatte. Dann hielt der Zug. Er hatte gar nicht bemerkt, dass er schon da war. Schnell schnappte er sich mit der einen Hand seine Tasche, knüllte das Papier mit der anderen zusammen und warf es beim Rausgehen in den nächsten Mülleimer.

Aus dem Rhythmus gefallen

Müde und benommen von der durchträumten Nacht sitzt sie mit ihrem Kaffee am Frühstückstisch und fühlt sich total verloren. Irgendwie stecken ihr die Träume noch in den Knochen. Sie fühlt sich schwer und es wird eine ganze Weile dauern, bis ihre Knochen alle Traumbilder absorbiert haben und bereit sind, sich ihrer eigentlichen Bestimmung zu stellen und sie durch den Tag zu tragen. Einige Bilder sind noch da und doch schon weg, sie sind noch nicht ganz in den Knochen angekommen und blitzen wieder auf, aber in eine chronologische Reihenfolge lassen sie sich nicht mehr bringen. Oder waren sie gar nie chronologisch? Sie weiss es nicht. Über alles ist ein Schleier gehüllt, sowohl über ihre Träume wie auch über die Dinge um sie herum. Sie fühlt sich benebelt, hat Mühe, sich zurechtzufinden. Alles kommt ihr so unwirklich vor, sogar die Zeit, der sie morgens immer hinterherhinkt. Das waren doch nur fünf Minuten, wieso ist schon eine Stunde vergangen? Sie ist noch nicht bereit. Wie soll sie denn heute nur alles schaffen? Wie den Menschen begegnen, wie mit ihnen sprechen, wie alle Aufgaben erledigen? Wie soll das gehen, wenn sie sich so fehl am Platz fühlt in der Welt? Auch das weiss sie nicht, und auch nicht, wie es dann doch passiert, dass sie irgendwann dasteht, bereit, aus der Tür zu treten und die Welt zu begrüssen. Auch wenn es manchmal Stunden dauert, aber an den allermeisten Tagen schafft sie es, den Weg vom Traum zurück ins Leben zu finden. Und in ihrem Leben gibt es dann nur noch den einen grossen Traum, der sie durch den Tag begleitet, bis sie abends ins Bett fällt und sich jedes Mal aufs Neue vornimmt, dass ab morgen alles anders wird: Sie träumt davon, wie es wäre, wenn sie einfach leicht und voller Tatendrang aufstehen könnte. Wie es wäre, endlich problemlos in den Rhythmus der Gesellschaft zu passen und von Anfang an den Platz darin zu finden. Ja, leichter wäre dann alles. Zumindest vieles. Aber auch besser?