Unmenschlich

Eine Träne fällt in’s Waschbecken und mischt sich unter den Wasserstrahl. Ihr ist schwer um’s Herz. Sehr schwer, um genau zu sein. Sie beisst die Zähne zusammen. „Funktionieren! Los, jetzt Zähneputzen und dann los, du bist viel zu spät dran, du musst funktionieren!“, schreit es in ihr.

Oder kam die Stimme nicht eher von irgendwo weit aus der Ferne?

Sie blickt auf und sieht sich im Spiegel. Da ist es, ihr Gesicht. „Los, sieh dich an!“. Sie schaut diesmal genau hin, sieht in ihre Augen, sieht in ihre Seele, weit hinein, tief und tiefer. Irgendwo muss er doch sein, der letzte Funke. Doch da ist nichts, kein Gefühl mehr. Sie ist taub, überall. Wie ein Diamant, denkt sie. Ein ganz seltener, einsamer Diamant.

Sie wünscht sich, sie hätte wirklich eine glatte, glitzernde Oberfläche. Unmenschlich und hart. Dann würde es ihr vielleicht nichts mehr ausmachen, dass jeder, der ihr zu nahe kommt, plötzlich erschrocken zurückweicht. Dann würde es möglicherweise an ihr abprallen, dass da keine Berührungspunkte mehr sind zwischen ihr und der Welt.

Sie hält ihre Hände unter den Wasserstrahl. Eiskalt ist er, genau das, was sie jetzt braucht. Die Kälte fühlt sich gut an, hoffentlich hilft sie gegen die geschwollenen Augen. So kann sie nicht unter die Leute. „Du musst!“, schreit es aus der Ferne.

Oder war die Stimme nicht eher irgendwo tief in ihr?

Zwischen den Zeilen – Teil 1

Was ist da zwischen uns,

dort, wo nichts ist?

Dort, wo das Nichts

unausgesprochen

so gross wird,

so gross, dass nichts

alles bedeuten kann?

Hilf mir doch!

Zu hören, zu sehen, zu fühlen,

zu erkennen, was da ist,

in dem Dazwischen

zwischen uns.

Hilf mir sie einzureissen,

die Mauer des Schweigens,

die unüberwindbar erscheint

für mich allein

in dem klaffenden Nichts

zwischen den Zeilen.

Die Grenze der Welt

Wenn das Schweigen zu laut ist

und alle Worte dieser Welt zu leise

dann bricht alles tobend zusammen

und die Welt steht still

Dann ist das Lachen zu schwer

und das Weinen zu leicht

und es geht trotzdem alles weiter

obwohl nichts mehr ist wie es war

Wieviel Kraft die Schwäche braucht

um das Untragbare zu tragen

um das Unbegreifliche zu begreifen

und in der Trostlosigkeit zu lieben

Auf dem Heimweg

Mein folgender Text wurde veröffentlicht in: TÄXTZIT, Die Schweizer Literaturschrift, Band 6. Weitere Infos dazu findet ihr hier 🙂

Jonas war auf dem Heimweg. Er lief langsam, denn in ihm herrschten gemischte Gefühle. So richtig einordnen konnte er sie nicht. Irgendwie fühlte er sich beklommen, doch auf der anderen Seite auch immer noch frei und stark. Am liebsten würde er die ganze Welt umarmen und trotzdem hinderte ihn etwas daran. Tief in seinem Inneren war etwas anders, und er wusste es. Er wusste, dass der Preis eigentlich zu hoch war: Ausreden, Lügen, dazu die ständige Angst, erwischt zu werden. Was war es also, das ihn immer wieder zurücktrieb? Warum konnte er es nicht lassen? Warum konnte er die Welt, so wie sie war, einfach nicht aushalten?

Er hatte es sich so fest vorgenommen, und lange war er auch standhaft geblieben. Doch dann, ein Moment der Schwäche, und plötzlich hatte er das Gefühl, dass es doch nicht so schlimm war. Nein, er hatte es ja jetzt im Griff. Was konnte schon passieren? Nur ein Joint, danach würde er wieder aufhören. Er hatte schliesslich auch einmal einen schlechten Tag, genauso wie alle anderen. Was war schon dabei, wenn es ja nur einmal war? Um kurz alle Probleme zu vergessen, nur für einen Moment.

Und wirklich, schon nach den ersten Zügen fühlte sich alles leichter an, was vorher noch so schwer wog. Was wollten ihm die Erwachsenen auch alle vorschreiben, wie er sein Leben zu leben hatte. Zudem diese beschissene Timeout-Schule! Was wussten die da schon von seinem Leben? Wussten die, wie es war, jeden Tag mit diesem Gefühl durch die Welt zu gehen? Mit dem Gefühl, so anders zu sein als alle anderen und nirgends richtig dazuzugehören? Wer wusste schon, wie es in ihm aussah? Wie es war, ständig eine Maske aufzusetzen und allen etwas vorzuspielen,  weil  die  Gesellschaft  einen  wie  ihn  nicht   akzeptierte?

Nein, das wussten sie nicht! Das konnten sie auch nicht, weil sie ja Teil dieses ganzen Systems waren. Die heile Schweiz mit ihren schönen Bergen könnte ja vielleicht kaputt gehen, wenn einer wie er ihre Idylle zerstörte. Die sollten ihm doch nicht erzählen, dass sie sich um ihn sorgten, nur das Beste für ihn wollten. Es war so eine verlogene Welt! Um das zu wissen, musste man nicht in die Schule gehen, da reichte es schon, wenn man ab und zu eine Gratiszeitung im Bus las.

Regelmässig wurden Berichte und Statistiken veröffentlicht, denn genauso regelmässig gab es immer wieder Vorstösse, um Cannabis zu legalisieren. Und verlogen, einfach nur verlogen war es dann, wenn man ihm trotzdem erzählen wollte, wie schädlich das Kiffen doch war. Er wusste doch genau, wie das lief. Oft genug hatte er im Polizeiposten gesessen. Passiert war trotzdem nichts. Einfach lächerlich. Es ging dabei doch nur darum, die Jugendlichen schikanieren zu können und ihnen alles schlecht zu machen.

Heute hatte er sich endlich wieder einmal verstanden gefühlt. Endlich hatte er wieder Leute getroffen, denen es genauso ging wie ihm. Diese Leute verstanden, was er meinte, wenn er das Gefühl hatte, dass es die ganze Welt auf ihn abgesehen hatte. Ja, sie wussten genauso wie er, dass man auf die Schweiz mit ihren überaus braven Bürgern pfeifen musste, um hier zu überleben. Und das tat er jetzt auch.

Wie blöd doch alle Erwachsenen waren! Es war so leicht, ihnen etwas vorzulügen. Nur weil sie ein schlechtes Gewissen hatten, konnte er ihnen alles erzählen. Er war jetzt in Rage. Eigentlich wollte er schneller laufen, nur gelang es ihm nicht. Im Gegenteil, er lief nun immer langsamer. Er wollte nicht nach Hause, dort würden sie ihm nur wieder all die unangenehmen Fragen stellen, wissen wollen, wo er gewesen war und was er gemacht hatte.

Auch wenn sie ihm seine Lügen vielleicht glaubten, er hatte einfach keine Lust mehr zu lügen. Keine Lust mehr, alle anderen – und vor allem sich selbst! – zu belügen. Denn egal, was er tat, es war ohnehin alles falsch. Er war ein Versager, auch jetzt hatte er wieder versagt. Wie blöd er doch gewesen war! Wie konnte er nur glauben, dass einer wie er sein Leben in den Griff bekommen würde? Hier, in diesem Kaff mit knapp zweitausend Einwohnern, war er sowieso schon abgeschrieben. An ihn glaubte doch niemand mehr, am wenigsten er selbst. Nein, er wollte nicht mehr nach Hause.

Er blieb plötzlich stehen. Die anderen waren sicher noch dort. Und da schon alles egal war, könnte er auch wieder zurückgehen. Es spielte keine Rolle mehr. Wenn seine Eltern herausfänden, dass er wieder gekifft hatte, dann würden sie so oder so stinkwütend. Also war es einerlei, ob er zu spät kam oder nicht. Seine Chance hatte er jetzt verspielt. Nun war alles zu spät. Und schon lange nervte es ihn, dass er nebst der Schule noch arbeiten und das verdiente Geld abgeben musste. Wozu sollte das denn gut sein?

Nein, wenn er zurückging, dann brauchte er nur ein Wort zu sagen,  und  er konnte  wieder  mit  dem  Dealen  anfangen.  Auch wenn er am Ende nicht viel von dem Geld behalten konnte, so war es doch mehr als er jetzt hatte, denn jetzt hatte er nichts.

Seine Zweifel waren nun fast verflogen. Er fühlte sich nicht hundertprozentig wohl dabei, sicher, aber was hatte er denn für eine Wahl? Eben. Oder gab es vielleicht doch noch die Möglichkeit, dass er einfach so weitermachen konnte, wie wenn heute nichts passiert wäre? Könnte er jetzt einfach nach Hause gehen und mit seinen Eltern zu Abend essen wie in den letzten Wochen auch? Auch wenn er sich das wünschte, so hatte er doch zu grosse Angst. Angst davor, was passieren würde, wenn es nicht klappte. Angst, alle zu enttäuschen und damit auch sich selbst. Er merkte, wie die Wirkung des Joints nachliess. Sein Selbstvertrauen war wie weggeblasen. Wie lange stand er jetzt schon so da, weil er weder vor noch zurück wusste? Er hatte keine Ahnung. Er stellte sich seine Familie vor, wie jetzt alle am Tisch sassen und auf die Uhr schauten. Er sah seine Mutter, die immer noch hoffte, dass er gleich zur Tür hereinkam.

Dann fasste er einen Entschluss. Ja, Jonas war auf dem Heimweg gewesen – doch dann drehte er um.

Das Ende

Manchmal

geht ein Traum

von selbst zu Ende

noch bevor man

aufgewacht ist

Manchmal

begräbt man selbst

einen Traum

noch bevor man

eingeschlafen ist

Und obwohl sich

diese beiden Fälle

in ihrer Art

und Berechenbarkeit

stark unterscheiden

bleibt am Ende

für beide

die Trauer

um eine verpasste Chance

um ein verpasstes Glück

Ausgeträumt

Nicht mehr wissen,

wie,

wo,

wann…

Keinen Schimmer,

ob

ich’s

kann…

Es ist zuviel,

jetzt!

sofort!

nicht dann!

Ich mag

nicht mehr,

bin müde,

viel zu sehr….