Unmenschlich

Eine Träne fällt in’s Waschbecken und mischt sich unter den Wasserstrahl. Ihr ist schwer um’s Herz. Sehr schwer, um genau zu sein. Sie beisst die Zähne zusammen. „Funktionieren! Los, jetzt Zähneputzen und dann los, du bist viel zu spät dran, du musst funktionieren!“, schreit es in ihr.

Oder kam die Stimme nicht eher von irgendwo weit aus der Ferne?

Sie blickt auf und sieht sich im Spiegel. Da ist es, ihr Gesicht. „Los, sieh dich an!“. Sie schaut diesmal genau hin, sieht in ihre Augen, sieht in ihre Seele, weit hinein, tief und tiefer. Irgendwo muss er doch sein, der letzte Funke. Doch da ist nichts, kein Gefühl mehr. Sie ist taub, überall. Wie ein Diamant, denkt sie. Ein ganz seltener, einsamer Diamant.

Sie wünscht sich, sie hätte wirklich eine glatte, glitzernde Oberfläche. Unmenschlich und hart. Dann würde es ihr vielleicht nichts mehr ausmachen, dass jeder, der ihr zu nahe kommt, plötzlich erschrocken zurückweicht. Dann würde es möglicherweise an ihr abprallen, dass da keine Berührungspunkte mehr sind zwischen ihr und der Welt.

Sie hält ihre Hände unter den Wasserstrahl. Eiskalt ist er, genau das, was sie jetzt braucht. Die Kälte fühlt sich gut an, hoffentlich hilft sie gegen die geschwollenen Augen. So kann sie nicht unter die Leute. „Du musst!“, schreit es aus der Ferne.

Oder war die Stimme nicht eher irgendwo tief in ihr?

vollkommen (m)ich

ich will

vollkommen ich

sein

also muss ich

zu mir

kommen

und wenn ich

dann da bin

angekommen

bei mir

dann bin ich

voll

mit mir

dann bin ich

ganz

in mir

und dann

bin ich also

angekommen

und voll

und ich bin

voll

kommen

mich

Nicht einfach

Nicht einfach

ist zwar manchmal

(vielleicht oft)

auch schwierig

aber grundsätzlich

ist nicht einfach

auch einfach

gut

Denn es bedeutet

vielfältig

statt

eintönig

und es bedeutet

interessant

statt

berechenbar

Weil dein Herz

farbig ist

und deine Gedanken

nicht nur schwarz/weiss

So wird

durch dich

auch deine Umwelt

bunter

und deswegen ist

nicht einfach

nicht nur

schwierig

sondern das Beste

was dir

und der Welt

passieren konnte

Ihre Tür steht immer offen

Gespannt wartet Anna darauf, dass etwas passiert. Sie wartet schon so lange, dass sie anfängt, in ihrem Haus herumzutigern, weil sie es nicht mehr schafft, einfach nur untätig herumzusitzen. Fieberhaft überlegt sie, warum er nicht einfach zu ihr hereinkommt. Sie hat ihre Tür doch schon so lange für ihn geöffnet.

Und so setzt Anna sich auch heute wie jeden Tag ans Fenster, in der Hoffnung, ihn irgendwo zu sehen und zu erkennen, ob er sich nun endlich dazu entschlossen hat, den ersten Schritt durch die Tür zu machen.

Erst gestern stand er einfach nur da und hat nichts gemacht. Nichts. Dabei muss er doch sehen, dass die Tür offen steht. Er sieht schliesslich auch, dass sie da am Fenster sitzt und ihm zuwinkt, denkt Anna. Er muss es ja sehen, denn jedes Mal winkt er grinsend zurück. Und trotzdem kommt er einfach nicht herein.

Jeden Tag auf‘s Neue, wenn sie hinaussieht, hat Anna die Hoffnung, dass er wenigstens ein bisschen näher gekommen ist. Doch meistens wird ihre Hoffnung enttäuscht. Es kann sogar sein, dass er gar nicht da ist oder sie ihn nur noch von ganz weit weg erkennen kann. Manchmal steht er zwar nahe bei ihr, hat ihr aber den Rücken zugewandt oder läuft schon wieder weg. Sie versteht das einfach nicht.

Trotzdem klammert Anna sich an das Wissen, dass er irgendwo da draussen ist. Versteht er denn nicht, was das bedeutet? Dass sie ihre Tür Tag und Nacht für ihn geöffnet hat, obwohl sie doch so wahnsinnige Angst vor einem Einbrecher hat? Es kostet Anna wirklich viel Kraft, die Tür offen zu lassen. Aber weil sie weiss, dass er da ist, denkt Anna sich, egal wie lange es dauert, irgendwann wird er zu ihr hereinkommen und dann wird alles gut. Und bis dahin steht ihre Tür immer für ihn offen.

Was Anna aber nicht weiss: Er sieht nicht, dass sie in ihrem Glashaus sitzt und auf ihn wartet. Er sieht nicht, dass ihre Tür für ihn offen steht. Er sieht nur, dass sie nicht auf ihn zukommt, obwohl er sich doch immer wieder in ihrer Nähe aufhält. Er weiss sogar, dass Anna ihn sieht, denn sie winkt ihm ja immer wieder zu. Er versteht das einfach nicht.

Der Schatz in uns

Wie vorüberziehende Wolken und schwirrende Schmetterlinge

So fliegen die Gedanken hinauf in den Himmel

Verlieren den Boden unter den Füssen

Und lassen uns eintauchen

In die Tiefen unserer Seele

Sie zeigen uns unsere geheimen Wünsche

Die wir lieber für uns behalten

Weil sie nur uns gehören

Damit niemand sie zerstören kann

Und sie wie Seifenblasen zerplatzen

Deshalb fehlen uns die Worte

Um sie mit anderen zu teilen

Und wir helfen uns mit Floskeln

Die den ganzen Reichtum unsere Träume

Nur halbherzig aufzeigen können

Denn in uns glitzert und funkelt es

Um ein Vielfaches stärker und strahlender

Als es unsere Augen ertragen könnten

Und deshalb sind wir blind und unvorsichtig

Wenn es darum geht unsere Träume zu leben

Deshalb nennt man uns unvernünftig

Deshalb kann es niemand verstehen

Jedoch wir allein wissen um den Mehrwert

Den sie unserem Leben geben

Und wir allein wissen um den Schatz

Den uns unser blindes Vertrauen beschert

Wenn wir es nur zulassen

Und weil wir ganz genau wissen

Dass ein erfüllter Traum unbezahlbar ist

Nehmen wir dafür alles in Kauf