Ich wandle

Ich wandle

in einer Zeit,

in der Zeit alles

oder nichts ist.

Ich wandle

in einer Zeit,

in der Zeit Geld kostet

oder unbezahlbar ist.

Ich wandle

in einer Zeit,

in der ich nicht weiss,

wo mein Platz in der Zeit ist.

Ich wandle

irgendwo im Nichts,

zwischen den Zeiten,

überall und nirgends.

Wandeln –

ist das überhaupt

erlaubt

in dieser Zeit?

Spinnen

Ich sitze im Wartezimmer und beobachte eine Spinne – wie sie sich an ihrem Faden windet und dreht, hochzieht und wieder inne hält.

Während sie diese Worte schreibt, verschwindet die Spinne plötzlich in dem kleinen Spalt, der sich über die Wand zieht. Sie kann die Spinne nun nicht mehr sehen, was sie jedoch unweigerlich zur Frage führt, was so eine Spinne eigentlich in so einem Spalt macht. Doch kaum ist die Frage gestellt, taucht die Spinne wieder auf und krabbelt die Wand hinunter in ihre Richtung.

Sie löst sich von der Wand, hängt einen Moment lang an ihrem eigenen Faden in der Leere und find

„Was schreibst du denn da?“, fragt die Therapeutin. „Ach, nichts Wichtiges, ich spinne nur ein bisschen vor mich hin.“, sagt sie.

Die Innenarchitektin

Es ist jedes Mal komisch für sie, das erste Mal über eine Schwelle zu gehen. Es ist die Schwelle zu einem neuen Reich, einem kleinen Universum, das sie ergründen muss, untersuchen und bis ins kleinste Detail in sich einsaugen. Damit etwas Neues entstehen kann, sie etwas anderes daraus machen kann, ohne es im Kern zu zerstören. Denn es muss zu ihnen gehören, zu diesen Leuten, die sie eigentlich nicht kennt und doch das Gefühl hat, ihnen vertraut zu sein. Die Einrichtung hat viel mit dem Charakter dieser Menschen zu tun, das darf sie nie vergessen. Das ist das Wichtigste überhaupt, denn sie dürfen sich nie fremd fühlen zu Hause, sonst hat sie ihren Job nicht gut gemacht. Und dass sie ihren Job gut macht, hat sich ausgezahlt, denn nach ein paar Jahren Anlaufzeit gehört sie nun zu denen, die Zimmer, Wohnungen und Häuser der Prominenz einrichten. Unglaublich, wie sich die Türen der unendlichen Möglichkeiten öffnen, wenn es keine Frage des Geldes ist. Der Job ist viel einfacher geworden seitdem, denn nun kann sie auf ihr Gefühl hören. Und ihr Gefühl täuscht sie nie. Dieses erste Mal, wenn sie über die Schwelle geht, das ist entscheidend. Fühlt sie die Wärme in der Einrichtung, den Möbeln, den Accessoires, dann lässt sie sich davon tragen. Spürt sie Kälte, saugt sie diese in sich auf, um sie wieder produzieren zu können. So ist das mit allem, was die Räume ausstrahlen. Genau das ist der Kern, um den es geht. Ein Zimmer, eine Wohnung, ein Haus – sie haben Seelen, die man erfassen muss, damit sie nicht verloren gehen. Nur wenn das gelingt, sind die Kunden auch zufrieden. Die Seele der Räume spiegelt die Seelen der Bewohner. Wer möchte schon Tag für Tag vor Augen haben, was er nicht ist? Nein, sie ist gut in ihrem Beruf, der dem einer Psychologin eigentlich sehr ähnelt. Nur wollen ihre Patienten nicht geheilt, sondern verschönert werden. Ihre Aufgabe ist es, zu bestätigen, nicht zu hinterfragen…

Das ist es, was eine Innenarchitektin macht, stellt sie sich vor, als sie nach einem langen Tag im Bus nach Hause fährt und gerade in einem Wohnmagazin blättert, das sie im Bus gefunden hat. Sie wünscht sich, sie wäre eine. Das muss unglaublich spannend und kreativ sein. Anders als das, was sie macht. Sie hat es satt. Sie stellt sich die Gesichter ihrer Patienten vor, wenn sie morgen den Aushang an ihrer Praxistür lesen: „Wegen Renovation geschlossen“, und lächelt.

Das Publikum

Einmal in der Woche darf er wieder spielen. Spät am Abend zwar nur, doch immerhin hat er ein Klavier und einen Raum, wo er sitzen und sich in seiner Musik verlieren kann. Dass die Leute auf der Strasse ihn hören, stehen bleiben und andächtig lauschen, dass sie ihm trotz allem ein Publikum sind, das gefesselt ist von seinen Melodien, das alles bemerkt er nicht. Er ist in seiner eigenen Welt. Er weiss nichts von dem Publikum, das ihn nicht sieht, aber ihn hört und ergriffen ist. Er sieht ein anderes Publikum, wenn er den Saal betritt, und er spürt es in seinem Rücken, wenn er spielt. Er ist noch einmal auf der Bühne und er füllt noch einmal den ganzen Saal. Er erlebt noch einmal seinen Erfolg. Fühlt seinen Erfolg, fühlt die Musik, fühlt die Melodie und ist eins mit dem Klavier. Er spielt und spielt, vor ihm das Orchester und hinter ihm das Publikum, das toben wird, sobald er sein letztes Stück beendet hat. Wenn er spielt, ist alles still, es wird kaum geatmet, so gebannt hören sie ihm zu. Kein Räuspern, kein Husten, nichts, denn das, was das Publikum hier geboten bekommt, hat es so noch nie gehört. Es ist verzaubert von seiner Musik. Verzaubert von ihm. Er kann etwas, das niemand vor ihm konnte, seine Art zu spielen ist etwas Besonderes. Er ist ein Genie. War es jedenfalls. Doch auch wenn er vieles von seinem Können eingebüsst hat, etwas ist immer noch da. Deswegen darf er auch einmal pro Woche im Klaviergeschäft spielen. Das Publikum, das er jetzt hat, ist dessen potenzielle Kundschaft, und er ist die Werbung. Zum Glück weiss er davon nichts. Ihm ist es egal, wer ihm zuhört, denn seine Realität ist anders. Er merkt von all dem nichts. Für ihn ist nur wichtig, dass er jede Woche auf die Bühne kann, dass er zu seinen Konzerten kann. Ohne seine Konzerte kann er nicht leben. Er ist krank, doch es geht ihm besser, wenn er spielt. Das ist das Einzige, was zählt. Er lebt für die Musik, er lebt für das Publikum. Und er hört den Applaus – bis zum Schluss.

Fernweh

Sie ist endlich da. Angekommen. In ihren Gedanken stellt sie sich das immer wieder vor. Jahrelang träumt sie schon davon zu reisen. In die Weite, die Welt, die Freiheit, in das Sein. Hier ist sie nicht richtig, nicht ganz. Auch wenn sie sich nicht unwohl fühlt, das alles, dieses Leben – das alles ist nicht wirklich das, was sie will. Hier kann sie nicht sein, wie sie sein will. Hier fühlt sie sich unvollkommen. Also träumt sie. Und immer, wenn sie an das Reisen denkt, denkt sie an die Farbe Grün. Aber nicht an grün wie das Gras, sondern an das Grün des Meeres, des Dschungels. Dieses Blaugrün, das nach Ferne duftet. Dann kann sie den Wind im Gesicht spüren. Sie kann fühlen, wie das wäre, und das Fernweh schmerzt in der Seele, ohne dass sie diesen Schmerz lindern könnte. Denn auch das Träumen, so schön wie es ist, vergrössert ihn nur. Sie weiss, sie muss weg, fort, um nach Hause zu finden. Ihr Zuhause, das liegt irgendwo in der Ferne, sie weiss nur nicht wo. Deswegen muss sie suchen, und suchen möchte sie auf der ganzen Welt. Egal wo, nur frei muss sie sein. Frei zu wählen, frei zu entscheiden, wo sie sein will – einfach nur sein, so wie sie ist. Sie vermisst sich selbst. Das ist es auch, weshalb sie einfach keine Geduld mehr hat. Wie lange soll sie denn noch warten? Es gibt immer tausend Gründe, nicht zu gehen. Rücksicht zu nehmen. Auf das Leben hier, auf die Familie, auf die Freunde, und vor allem auf das Geld. Doch lange kann sie das nicht mehr. Lange kann sie dieses Leben nicht mehr leben, eines, in dem das, was alle von ihr erwarten, wichtiger ist als sie selbst. Das Fernweh wird siegen. Sie kann sich nicht wehren. Auch wenn es ihr leid tut, sie muss einmal im Leben egoistisch sein, damit sie sein kann. Sein darf. Denn hier erlauben es ihr die Umstände nicht. Obwohl die Umstände gut wären. Sie ist talentiert, hat Erfolg. Nur sich selbst, das hat sie nicht. Um das zu finden, gibt es nur einen richtigen Weg: den falschen, jedenfalls für alle anderen. Es ist ihr egal. Denn wenn sie träumt, dann hat sie eine Ahnung davon, wie es sein wird. Sie kann das Gefühl erahnen, das in ihr ist, tief in ihr verborgen. Das Gefühl der Freiheit. Sie stellt sich vor, wie es ist, wenn sie den Regenwald sieht. Wenn sie in ihm badet. Wie es ist, wenn sie auf den Bergen der Welt steht, die Weite vor sich, die Frische des Windes in der Nase. Wie es ist, das Meer zu sehen, wie es ist, die Wellen zu spüren und das Salz zu schmecken. Wenn es nichts anderes mehr gibt, als sich frei zu fühlen. Es wird keine Worte dafür geben. Nur Tränen können ausdrücken, was sie fühlt. Tränen, die aus ihr herauskommen, tief aus ihr, und sie befreien, von einer Last, die sie kaum mehr tragen konnte. Zu lange hat sie gewartet, sie weiss es. Es macht sie fast kaputt, das Fernweh. Und doch, solange sie nicht gehen kann, ist es das Einzige, was sie hat. Es bringt sie zum Träumen. Irgendwann, hofft sie, kann sie damit aufhören. Solange muss sie den Schmerz ertragen. Was würde sie denn tun ohne Fernweh? Ohne etwas, das sie antreibt. Sie denkt sich, dann wäre sie wie alle anderen. Die, die mit der Masse schwimmen, im Alltagstrott versinken und nicht mehr herauskommen aus der Gesellschaft. Die einfach weitermachen. Sie weiss nicht, ob diese Leute glücklich sind. Aber sie weiss, dass die Freiheit sie glücklich macht. Es muss so sein. Sonst täte es nicht so weh. Sonst hätte sie es nicht, das Fernweh. Deshalb ist sie froh. Sie weiss: Der Schmerz ist die Ahnung vom Glück, das sie spürt, wenn sie endlich frei ist. Endlich frei sein kann. Endlich angekommen ist.

Die Freiheit zu träumen

Ich passe nicht in diese Zeit

Erfolgsdruck, weit und breit.

Geld, Macht, Gier

was will ich hier?

Ich will lachen, weinen, fühlen

will in meinen Träumen wühlen.

Ich will Hoffnung, Glück, lebendig sein!

Die Freiheit zu träumen – sie ist mein.

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