Zeit (als Geschenk)

Überrascht,

betört,

verbunden.

Nichts gesucht

und alles gefunden.

Aus Angst

wird Vertrautheit,

das ist Sehnsucht

nach mehr.

Kein Versprechen,

aber Zeit

als Geschenk –

ich mag dich sehr.

Heute Nacht träume ich… (2)

IMG_3287… davon, auf dem Schiff die dunklen, aufgewühlten, tobenden Wassermassen hinter mir zu lassen und mit Blick nach vorn auf den ruhigen, glitzernden, hellen Horizont zuzusteuern – mit dem frischen Wind im Haar, der warmen Sonne im Gesicht und einem Lächeln auf den Lippen.

Der Grund

Sich unbekannt kennen

ohne Grund

sich unsicher sicher fühlen

ohne Grund

unverbunden verbunden sein

ohne Grund

ungeduldig Geduld haben

aus einem Grund

dem Grund

dass wir

keinen brauchen

dort

wo Unlogisches logisch ist

und die Zeit

keine Bedeutung hat

Die Zugfahrt

Auf dem Nachhauseweg im Zug blickte er aus dem Fenster und dachte noch einmal über das nach, was er gerade gehört hatte. Darüber, was Freiheit bedeutet. Es war ein sehr aufschlussreicher Vortrag gewesen, den er heute Abend besucht hatte. Eigentlich war er nicht einmal freiwillig hingegangen, auch wenn das Thema ihn natürlich interessierte. Aber er hatte damit gerechnet, dass es vor allem um die politische Dimension von Freiheit gehen würde. Dass er sich jetzt selbst so aufgewühlt fühlte, das hätte er nicht gedacht. Er war ganz ehrlich überrascht, denn eigentlich war er immer davon ausgegangen, dass er frei sei. Sollte das alles wirklich nicht stimmen? Ja, es erschütterte ihn zwar, dass der Redner darüber gesprochen hatte, wie unfrei die Demokratie doch eigentlich sei. Das war ihm bisher nie aufgefallen. Doch es stimmte, dachte er, wirklich frei sind wir alle nicht, bei all den Vorschriften und Regeln, die wir uns selbst auferlegen. Aber nun gut, das war nicht zu ändern. Nein, in seinen Grundfesten erschüttert hatte ihn etwas anderes. Es war die Frage nach der Freiheit von der eigenen Vergangenheit gewesen. Und er fragte sich nun, ob er wirklich so frei war, wie er immer gedacht hatte. Frei, weil er sich unabhängig fühlte, weil niemand auf ihn wartete, niemand Rechenschaft wollte für sein Tun, und er als moderner Single in der Stadt doch nun wirklich seine Freiheit genoss. Doch wenn er jetzt ehrlich war, dann wusste er, dass das nicht stimmte. Er hatte sich nie darüber Gedanken gemacht, aber er hatte einfach immer weitergemacht und sich treiben lassen. Nie wäre er auf die Idee gekommen, dass genau das ihn unfrei machte. Die Erkenntnis traf ihn wie ein Schlag. Er liess sich von seiner Vergangenheit leiten! Er leitete sich gar nicht selbst. Seine Erfahrungen machten ihn unfrei für die Entscheidungen in der Zukunft. Er hatte sich nie darum bemüht, sich von seiner Vergangenheit zu befreien, schliesslich gehörte sie doch zu ihm. Oder war das nur eine Ausrede? Eine Ausrede, damit er sich nicht dem Unangenehmen stellen musste? Er merkte, wie es ihm die Kehle zuschnürte, wie der Schmerz zurückkam, den er so lange verdrängt hatte. Weil er sich aber hier zwischen all den fremden Leuten nicht von ihm überwältigen lassen wollte, durchsuchte er die Tasche nach einem Stift und kritzelte ein paar Worte auf die Rückseite des Abendprogrammes:

Schmerz

Vergessen,

verdrängt,

vorbei.

Und trotzdem

immer

mit dabei.

Es war das erste Mal, dass er so etwas aufschrieb. Unsicher las er noch einmal durch, was er notiert hatte. Dann hielt der Zug. Er hatte gar nicht bemerkt, dass er schon da war. Schnell schnappte er sich mit der einen Hand seine Tasche, knüllte das Papier mit der anderen zusammen und warf es beim Rausgehen in den nächsten Mülleimer.

Was uns glücklich macht

Sie träumt

denn sie weiss

er wird es

Sie lacht

denn sie weiss

er ist es

Sie liebt

denn sie weiss

wir sind es

Sie hofft

denn sie glaubt

er muss es sein

Sie verzweifelt

denn sie fühlt noch

er war es

Bis sie wieder

träumt, lacht, liebt

weil sie nun weiss

sie selbst ist es

Frei ist…

Freiheit ist...

… das eine Herz

das Herz geblieben ist

trotz der vielen Steine

um es herum

denn es träumt

und hofft

und liebt

ohne Erwartung

sondern einfach nur

weil es ein Herz ist

Die Bank am See

Die Bank am See war ihr Lieblingsort. Auch heute nahm sie auf ihr Platz, obwohl die Bank schon besetzt war. Eine ältere Frau sass bereits da und schaute verträumt auf das Wasser. „Wissen Sie, wenn ich damals gedurft hätte, dann hätte ich gerne eine Ausbildung gemacht, aber das ging halt einfach nicht.“, sprach die Frau sie an. „Ja, das war damals noch anders.“, antwortete sie etwas unsicher. Die Frau fuhr fort: „Ich habe immer gerne gelernt, aber wenn ich zu gute Noten nach Hause gebracht habe, dann hat mein Vater gesagt, dass ich lieber mehr zuhause arbeiten soll, weil ein Mann sowieso keine eingebildete Frau will.“ Sie horchte auf und fragte: „Warum denn eingebildet?“ „Weil ich gerne Bücher gelesen habe. Früher hat man gesagt, dass das zu nichts nütze sei, die Zeit mit diesen Träumereien zu verschwenden.“ Nun war sie verwundert, denn Bücher waren für sie eigentlich immer nur etwas, was sie für die Schule lesen musste: „Und wovon haben Sie denn geträumt?“ Die Augen der Frau funkelten und sie lächelte kurz, als sie sagte: „Ich habe immer davon geträumt, Bibliothekarin zu werden. Das stelle ich mir wirklich schön vor, mit den Büchern zu arbeiten. Aber das ging halt einfach nicht. Ich durfte nur die Grundschule machen, danach musste ich Haushälterin lernen und arbeiten.“ Das war damals allerdings anders, dachte sie und erwiderte: „Meine Eltern wollten immer, dass ich studiere.“ „Darf ich fragen, was Sie arbeiten?“ „Ich habe als Juristin gearbeitet.“ Erstaunt sah die Frau sie an: „Und jetzt nicht mehr?“ „Nein, ich bin jetzt Mutter und Hausfrau. Meine Kinder sind die beiden da hinten auf dem Spielplatz.“, sagte sie stolz und blickte zufrieden auf den See hinaus, glücklich darüber, dass sie sich durchsetzen und ihren Traum verwirklichen konnte.

Aus dem Rhythmus gefallen

Müde und benommen von der durchträumten Nacht sitzt sie mit ihrem Kaffee am Frühstückstisch und fühlt sich total verloren. Irgendwie stecken ihr die Träume noch in den Knochen. Sie fühlt sich schwer und es wird eine ganze Weile dauern, bis ihre Knochen alle Traumbilder absorbiert haben und bereit sind, sich ihrer eigentlichen Bestimmung zu stellen und sie durch den Tag zu tragen. Einige Bilder sind noch da und doch schon weg, sie sind noch nicht ganz in den Knochen angekommen und blitzen wieder auf, aber in eine chronologische Reihenfolge lassen sie sich nicht mehr bringen. Oder waren sie gar nie chronologisch? Sie weiss es nicht. Über alles ist ein Schleier gehüllt, sowohl über ihre Träume wie auch über die Dinge um sie herum. Sie fühlt sich benebelt, hat Mühe, sich zurechtzufinden. Alles kommt ihr so unwirklich vor, sogar die Zeit, der sie morgens immer hinterherhinkt. Das waren doch nur fünf Minuten, wieso ist schon eine Stunde vergangen? Sie ist noch nicht bereit. Wie soll sie denn heute nur alles schaffen? Wie den Menschen begegnen, wie mit ihnen sprechen, wie alle Aufgaben erledigen? Wie soll das gehen, wenn sie sich so fehl am Platz fühlt in der Welt? Auch das weiss sie nicht, und auch nicht, wie es dann doch passiert, dass sie irgendwann dasteht, bereit, aus der Tür zu treten und die Welt zu begrüssen. Auch wenn es manchmal Stunden dauert, aber an den allermeisten Tagen schafft sie es, den Weg vom Traum zurück ins Leben zu finden. Und in ihrem Leben gibt es dann nur noch den einen grossen Traum, der sie durch den Tag begleitet, bis sie abends ins Bett fällt und sich jedes Mal aufs Neue vornimmt, dass ab morgen alles anders wird: Sie träumt davon, wie es wäre, wenn sie einfach leicht und voller Tatendrang aufstehen könnte. Wie es wäre, endlich problemlos in den Rhythmus der Gesellschaft zu passen und von Anfang an den Platz darin zu finden. Ja, leichter wäre dann alles. Zumindest vieles. Aber auch besser?

Heute Nacht träume ich…

Heute Nacht träume ich...

…. davon, gemeinsam durch den nassen Strand zu waten, zu spüren, wie der Sand durch die Zehen rinnt, dabei zuzusehen, wie der Tag sich dem Abend neigt und sich alles zu sagen, indem man gemeinsam schweigt.